Atitude Verde

Natur, Naturschutz und Naturtourismus in Brasilien

Brasilianischer Bambus - ein schlafender Riese

Noch vor wenigen Jahrzehnten dachte man bei Bambus vor allem an japanische Teezeremonien und chinesische Zeichnungen. In den letzten Jahren hat dieses image eine Grundlegende Veränderung erfahren. Seine  positive Ökobilanz begeistert Umweltschützer, und seine speziellen psysikalischen Eigenschaften beeindrucken Architekten, Ingenieure und Wissenschaftler - weltweit wird Bambus als Baustoff des 21. Jahrhunderts gelobt.

Aus botanischer Sicht ist Brasilien einen Bambushochburg - 232 der rund 1500 bekannten Bambus Spezies wachsen hier, drei Viertel davon sind endemisch. Im Bundesstaat Acre an der bolivianischen Grenze stehen natürliche Bambuswälder mit einer Gesamtfläche der Grösse Englands. Doch während China in wenigen Jahren eine lukrative Exportindustrie für Bambusprodukte aufbaute und in den USA und Europa Flugzeugentwickler Bauteile aus Kunststoff–Bambus–Verbindungen testen, liess Brasilien seine exzellente Ausgangslage in diesem Markt bisher weitgehend ungenutzt.

Bambus wächst überdurchschnittlich schnell, artbedingt zwischen mehreren Zentimetern und einem Meter pro Tag, verholzt schon nach 3 bis 5 Jahren und wird bei der Ernte nicht zerstört - Eigenschaften, bei denen in Punkto Produktivität und Nachhaltigkeit kein bekanntes Holz mithalten kann. Bambus bindet Kohlendioxyd 20 mal effizienter als Eukalyptus und produziert nach 10 Jahren (dem Erntezyklus von Eukalyptus) ohne Unterbrechung weiter, potentiell über 400 Jahre. Dies allein müsste Bambus für Länder wie Brasilien, in denen Eukalyptus in grossem Stil zur Aufforstung eingesetzt wird, hochinteressant machen.

Darüber hinaus ist es als Baustoff extrem robust und widerstandfähig. Die verkreutzte Struktur seiner Fasern verschaffen ihm eine hohe Elastizität, bei gleichzeitigen vertikalen Zug- und Druckfestigkeiten ähnlich derer von Beton und Stahl. Diese bisher nur unvollständig erforschten Eigenschaften machen Bambus als High Tech Werkstoff für die Industrie attraktiv. Und ganz nebenbei ist das Riesengras eine der vielseitigsten Nutzpflanzen überhaupt. Alleine aus Japan sind - von Lebensmitteln und Naturheilmitteln über Kleidung und Papier bis zu Musikinstrumenten - über 1000 traditionelle Anwendungen überliefert, eine Liste, die heute durch biotechnologische Neuerungen im Kosmetik- und Pharmaziebereich (Antifaltencrems, Sonnenschutzmittel, Seifen etc.) stetig erweitert wird.

Forschungsprojekte in aller Welt arbeiten an der Bambustechnologie der Zukunft. Preisgünstige Bambusbauteile sollen in Betonkonstruktionen nicht nur teuren Stahl überflüssig machen sondern auch für erhöhte Erdbebensicherheit sorgen, Bambus-Kunststoff-Gemische sollen Autos leichter machen und die Höhenruder von Flugzeugen optimieren. Nicht ohne Grund erweitert China, Marktführer für Bambuspressspan und Bambusparkett, in regelmässigen Abständen seine Anbauflächen, und nicht von ungefähr denkt man in Spanien an die Beforstung von Ödland mit Bambushainen - der Markt für bambusbasierte Biowerkstoffe verzeichnet Wachstumsraten von bis zu 50% jährlich, und der weltweite Bedarf an Bambus steigt. Umweltschützer loben die positive Ökobilanz der Bambusindustrie und hoffen, dass Bambus dank seiner musterhaften Nachhaltigkeit langfristig Zeichen setzen und sich aufgrund seiner hohen Produktiviät weitflächig durchsetzen kann.

In Brasilien, dem Land mit der höchsten Artenvielfalt an Bambus in Amerika, blieb es zum Thema Bambus bisher eher ruhig. Insider führen dies auf vornehmlich auf kulturelle Altlasten zurück. Zwar ist der traditionelle Einsatz von Bambus als Baustoff in Lateinamerika schon seit vorkolumbianischen Zeiten bekannt, doch anders als in Asien ging durch die Kolonisation viel ethnobotanisches Wissen zu seiner natürlichen Imprägnierung verloren - Bambus gilt als minderwertig, parasitenanfällig und demnach als "Holz für Arme". Seit über einem Jahrzehnt arbeiten in Brasilien Idealisten wie Marcelo Ribas und Rafael Vasconcelos mit ihrer Initiative Bambu Brasileiro geduldig gegen diese Widerstände und für den vermehrten Einsatz von Bambus.

Nachdem noch 2005 noch eine Erhebung des INBAR (International Network for Bamboo and Rattan) zur Ausgangslage einer brasilianischen Bambusindustrie an einem Mangel an offziellen Daten scheiterte, geht es seit der Gründung der Rede Nacional de Bambu (RBB) im Jahre 2006 aufwärts. 2007 erkämpfte die RBB ein Gesetz, das Bambus den Status eines Forstproduktes sicherte und Ramenbedingngen zur finanziellen Unterstützung von Bambusproduzenten definierte. Im Rahmen des 2. Nationalen Seminars der RBB im August 2010 diskutierten Wissenschaftler, Bambusproduzenten und Industrievertreter Möglichkeiten zur Koordination von Forschungsprojekten und zur Implementierung nachhaltiger Produktionsstätten unf Methoden.